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Freitag, 13. September 2019

„Alle heimischen Baumarten sind betroffen“

Eine große Gruppe schloss sich der Informationsveranstaltung zum Zustand des Hagener Waldes an. Förster Frank Berstermann sprach über Borkenkäfer und deren Fangfallen (im Bild), über Wettextreme und Pilze und wie sich all’ das auf unsere Wälder auswirkt. Foto: Carolin Hlawatsch Eine große Gruppe schloss sich der Informationsveranstaltung zum Zustand des Hagener Waldes an. Förster Frank Berstermann sprach über Borkenkäfer und deren Fangfallen (im Bild), über Wettextreme und Pilze und wie sich all’ das auf unsere Wälder auswirkt. Foto: Carolin Hlawatsch

Quelle Text: Neue Osnabrücker Zeitung vom 13.9.19 zur CDU-Veranstaltung mit dem Bezirksförster:

Von: Carolin Hlawatsch

Großes Interesse an Info-Wanderung zum Zustand der Wälder

Hagen Die große Resonanz der Bürger auf diese Veranstaltung zeige deutlich, dass das Thema Wald und dessen Veränderung durch den Klimawandel in aller Munde ist, stellte der Gruppenvorsitzende Bastian Spreckelmeyer bei der Begrüßung am Wanderparkplatz Kollage fest. Zu dem Zeitpunkt waren die Teilnehmer noch guter Dinge, hofften auf Lösungsmaßnahmen für die Heilung des kranken und zerstörten Walds, hatten noch ein Lächeln auf dem Gesicht. Doch dieses Lächeln verging ihnen mehr und mehr mit steigender Informationsdichte durch Förster Berstermann.

„Wir müssen uns darauf einstellen, dass sich unsere Landschaft großflächig verändert“, betonte der Waldexperte gleich zu Beginn der Wanderung. Der negative Wandel im Wald begann mit dem Orkantief Friederike im Januar 2018. Die zwei darauffolgenden heißen und trockenen Sommer sowie der anhaltende Borkenkäferbefall schwächten die Bäume derartig, dass jetzt nahezu alle heimischen Arten, besonders schlimm aber die Fichten und Buchen, betroffen seien.

„Jetzt wird der Schaden für jedermann sichtbar“, so Frank Berstermann. Das Erschrecken in der Bevölkerung und die Verzweiflung bei den Waldbesitzern seien groß. In Hagen liege der Wald zu 80 Prozent in privater Hand, 19 Prozent seien Staats- und ein Prozent Kommunalwald. Das heißt viele Waldbauern sind betroffen und deren geschlossene Generationenverträge nun hinfällig. „Von dem, was Uropa für den Enkel gepflanzt hat, ist nichts mehr da“, verdeutlichte der Förster seinen aufmerksamen Zuhörern. Das Holz, welches für Industrie und Holzbau nach und nach geerntet werden sollte, müsse nun auf einen Schlag und schnellstens verarbeitet werden oder sei nicht mehr verwertbar. Da der Wald aber nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa krank sei, fließe kaum mehr Holz in den Handel ab. „Und einige zerstörte Waldbereiche werden zukünftig wohl nicht mehr mit dem nachwachsenden Rohstoff aufgeforstet, da sich die Waldbesitzer außer Stande sehen, dies zu finanzieren“, weiß Berstermann, zu dessen Förster-Aufgaben auch die Aufforstungs-Beratung und -Motivation der Waldbauern gehört.

Stichwort Aufforstung: Da niemand die derzeit so akut verlaufenden Änderungen des Klimas einschätzen und in die Zukunft sehen kann, stellt sich auch den Waldexperten die Frage nach dem „klimaresistenten Wald“. Wie kann dieser aussehen? Welche Baumarten müssen jetzt neu gepflanzt werden, damit die Wälder sowohl als „grüne Lunge“ als auch als Holzlieferant und Erholungsraum weiterhin bestehen?

Große Flächen mit schnell wachsendem Fichtenbestand sollten es zukünftig nicht mehr sein. Die Wurzeln der Fichten reichen nicht tief in den Boden. Das macht den Nadelbaum windanfällig. Zunehmenden Stürmen kann er nicht standhalten, insbesondere dann, wenn der Boden trocken und bröckelig ist. Trockenheit führt auch dazu, dass die Fichte nicht mehr genug Harz produziert, mit dem sie den Borkenkäfer abwehren kann. Der zwei Millimeter kleine Kupferstecher und der vier Millimeter kleine Buchdrucker haben so leichtes Spiel, bohren sich in die Rinde, fressen und vermehren sich dort massenhaft. „Borkenkäfer bleiben zwar in der Rinde und gehen nicht in das Holz, dennoch wird dieses durch den Befall morsch“, erklärt Frank Berstermann.

Gerade umgestürzte Fichten locken Borkenkäfer mit ihrem Harzgeruch extrem an und müssten deswegen schnellstens aus dem Wald geschafft und beim Aufstapeln für den Abtransport am Forstweg wohl oder übel mit Insektizid besprüht werden. Gegen den frischen Harzgeruch haben auch die Tri-Net-Borkenkäfer-Fallen keine Chance. 140 dieser Fallen seien im letzten Jahr im Bereich Hagen/Hasbergen und westliches Osnabrück aufgestellt worden. „Damit konnte sicher noch Schlimmeres verhindert werden, dennoch sind in diesem Forstbezirk 5000 Festnetzmeter Schadholz angefallen“, berichtet Berstermann und veranschaulicht, dass ein dicker Baum gut einen Festmeter umfasse.

„Dabei sind wir im Land Niedersachsen, was die finanzielle Unterstützung von Waldschutzmaßnahmen angeht, noch gut aufgestellt. Auch dank der Kommunen Hagen und Hasbergen konnten die Tri-Net-Fallen hier am Borgberg, im Hüggel und anderen Bereichen aufgestellt, einzelne befallene Bäume entnommen und ein intensives Borkenkäfer-Monitoring durchgeführt werden“, so der Förster. Durch das Monitoring konnten befallene Bäume frühzeitig identifiziert und beseitigt werden. Mini-Bohrlöcher und rotes Sägemehl verraten den Borkenkäfer im Nadelbaum. Auch wenn man es dem Baum noch nicht ansehe, sei er so bereits tot. Ein langer, strenger Winter würde der Käferplage kein Ende setzen, nur viel Niederschlag könne helfen.

Eine weitere Tücke im Wald stellen seit diesem Sommer nun auch die Buchen dar. Durch die Trockenheit gestresst, werden sie von Pilzen befallen, die ihre Holzstruktur schädigen. Selbst bei Windstille können Buchen-Äste abbrechen und zur Gefahr für Passanten werden.

„Und was ist mit den Eichen? Da gibt es doch das Problem mit dem Eichenprozessionsspinner“, merkt eine Teilnehmerin an. „Die Brennhaare der Raupe sind zwar schädigend für Mensch und Tier, die Eiche selbst wird aber nicht angegriffen“, erklärt Förster Berstermann. Wir müssten lernen, mit dem Eichenprozessionsspinner zu leben, wohl genau wie mit zahlreichen anderen Schädlingen, deren Vermehrung durch die Klimaerwärmung und somit eine Verlängerung der Vegetationszeit begünstigt wird.

Bei Neupflanzungen setzen er und viele seiner Förster-Kollegen nun auf Risikominimierung durch Mischbestände. Da momentan zur Rettung des Waldes dessen ökologische Funktion im Fokus stehe und der wirtschaftliche Aspekt nach hinten rücke, pflanze man vermehrt bei uns exotische Arten wie Esskastanie, Amerikanische Eiche und Douglasie. „Aber wenn uns die Fichten nun ganz verloren gehen, frage ich mich, woraus wir zukünftig unsere Holzschuppen und Gartenstühle bauen sollen“, so Berstermann, der die Teilnehmer der Info-Wanderung am Donnerstag mit einem bedrückenden Gefühl aus dem Wald und in den Abend entlassen musste.